Die «Chronik» von Benedikt Tschachtlan und Heinrich Dittlinger, die um 1470 entstand, gehört zu den bedeutendsten historischen Handschriften der Alten Eidgenossenschaft. Sie entstand in Bern in einer Zeit, in der die Eidgenossen ihre politische Stellung nach den Erfolgen des 14. und 15. Jahrhunderts festigten und ein wachsendes Bedürfnis entwickelten, ihre gemeinsame Vergangenheit schriftlich festzuhalten. Die Chronik verbindet Geschichte, Erinnerung und politische Selbstdarstellung zu einem eindrucksvollen Gesamtwerk.
Der Berner Ratsherr Benedikt Tschachtlan gilt als Initiator und Auftraggeber der Handschrift, während der Stadtschreiber Heinrich Dittlinger den Text verfasste. Das Werk erzählt die Geschichte der Eidgenossen von ihren sagenhaften Ursprüngen bis in die Gegenwart der Autoren. Dabei stehen nicht nur einzelne Ereignisse im Mittelpunkt, sondern die Entstehung einer politischen Gemeinschaft, die sich gegen äussere Bedrohungen behauptet und ihre Freiheit verteidigt.
Besonders bekannt ist die Chronik wegen ihrer ausserordentlichen Bebilderung. Mehr als zweihundert farbige Miniaturen illustrieren Schlachten, Belagerungen, Städte, Burgen und historische Persönlichkeiten. Diese Bilder sind weit mehr als dekorativer Schmuck. Sie vermitteln dem Betrachter ein lebendiges Bild der Vergangenheit und machen Geschichte anschaulich. Für viele spätere Generationen prägten sie die Vorstellung davon, wie die frühen Eidgenossen ausgesehen und gehandelt haben könnten. Obwohl die Darstellungen historische Genauigkeit nur teilweise beanspruchen können, besitzen sie einen unschätzbaren kulturgeschichtlichen Wert.
Inhaltlich folgt die Chronik dem mittelalterlichen Verständnis von Geschichte. Historische Tatsachen, mündliche Überlieferungen und Legenden werden selbstverständlich miteinander verbunden. Die Erzählung beginnt mit den Gründungsmythen der Eidgenossenschaft und schildert anschliessend wichtige Ereignisse wie die Auseinandersetzungen mit den Habsburgern oder die Expansion der eidgenössischen Orte. Geschichte erscheint dabei nicht als nüchterne Rekonstruktion, sondern als moralische Erzählung. Mut, Treue, Gottesfurcht und Gemeinschaftssinn werden als entscheidende Tugenden hervorgehoben.
Die Chronik erfüllt damit zugleich eine politische Funktion. Sie stärkt das Selbstverständnis Berns und der Eidgenossenschaft, indem sie gemeinsame Erinnerungen schafft. In einer Zeit ohne Nationalstaaten bildeten solche Chroniken ein wichtiges Mittel, um Identität zu stiften. Wer die Vergangenheit erzählt, prägt auch das Verständnis der Gegenwart. Die Chronik zeigt eindrücklich, wie historische Erinnerung zur Legitimation politischer Ordnung eingesetzt werden konnte.
Für die heutige Geschichtswissenschaft ist das Werk eine wertvolle Quelle, allerdings nicht in erster Linie wegen seiner exakten Fakten. Viel wichtiger ist, dass es Einblick in das Geschichtsbild des 15. Jahrhunderts gibt. Es zeigt, welche Ereignisse als erinnerungswürdig galten, welche Werte vermittelt werden sollten und wie sich eine städtische Elite selbst verstand. Gleichzeitig erlaubt die reiche Bildwelt Einblicke in Kleidung, Waffen, Architektur und Vorstellungen vom Krieg, auch wenn viele Szenen idealisiert oder symbolisch gestaltet sind.
Die Chronik von Benedikt Tschachtlan und Heinrich Dittlinger steht damit an der Schwelle zwischen mittelalterlicher Überlieferung und frühneuzeitlicher Geschichtsschreibung. Sie bewahrt nicht nur Erinnerungen an vergangene Ereignisse, sondern dokumentiert auch den Wunsch einer jungen politischen Gemeinschaft, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Gerade diese Verbindung von Text, Bild und politischer Identitätsbildung macht das Werk bis heute zu einem Meilenstein der Schweizer Kultur- und Geschichtsgeschichte.
