Ein trauernder Schriftsteller im revolutionären Paris

August von Kotzebue: Meine Flucht nach Paris im Winter 1790. Für bekannte und unbekannte Freunde geschrieben.

Erschienen in Leipzig, 1791, Erstausgabe.

August von Kotzebue (1761–1819) ist ein Name, über den sich wohl schon Generationen an deutschen Schulkindern amüsiert haben. Dass er in ihren Geschichtsbüchern vorkommt, liegt weniger an seinem Leben als an seinem Tod: Vor genau 200 Jahren, 1819, wurde er vom Studenten Karl Ludwig Sand ermordet. Die Tat gilt als erster politischer Mord der deutschen Geschichte. Das Motiv: Kotzebue hatte sich kritisch und spottend über die national-demokratischen Ideen der studentischen Burschenschaften geäußert – in der aufgeheizten Stimmung der nachnapoleonischen Zeit eine schlechte Idee. Der Mord – und die herrschende Begeisterung über die Tat – waren Ursache für die Karlsbader Beschlüsse, in denen sich die Staaten des Deutschen Bundes auf Überwachungs- und Zensurgesetze einigten, um der aufkochenden nationalliberalen Stimmung Herr zu werden.

Kotzebue – mehr als nur Mordopfer

Dabei wird es Kotzebue eigentlich überhaupt nicht gerecht, dass wir ihn nur als Mordopfer kennen. Er war ein gefeierter Autor, dessen Bühnenstücke unglaublich erfolgreich waren und in ganz Europa aufgeführt wurden. Er gilt als meistgespielter deutscher Theaterautor des 19. Jahrhunderts! Das Geheimnis seines Erfolges? Seine Stücke waren… sagen wir volksnahe. Sie dienten primär der Unterhaltung, hatten urkomische Handlungen, überspitzen Figuren und glückliche Enden. Und er produzierte sie massenweise: über 200 Bühnenstücke schrieb er insgesamt.

In seiner Heimatstadt Weimar hatte er deshalb Schwierigkeiten, Fuß zu fassen. Die Großen der Weimarer Klassik blickten auf seine trivialen Werke hinab und neideten ihm seinen Erfolg. Goethe und Kotzebue verband jahrzehntelange eine gepflegte Feindschaft. Doch selbst ein Goethe musste zähneknirschend Kotzebues Stücke in den Spielplan aufnehmen. Zu groß war die Nachfrage.

Schmerzlicher Verlust

Doch kommen wir zum vorliegenden Buch: Bei ihm handelt es sich nicht um Drama aus der Feder Kotzebues, sondern um sein erstes autobiografisches Werk. Wer hinter dem etwas reißerisch anmutenden Titel „Meine Flucht nach Paris im Winter 1790“ etwas Abenteuerliches erwartet, wird allerdings enttäuscht. Kotzebue floh nicht etwa vor Verfolgern, sondern vor seiner Trauer: Der nicht ganz dreißigjährige Kotzebue hatte kurz zuvor seine erste Frau, Friederike von Essen, verloren.

Dem Leser wird sofort klar, dass er sie unglaublich geliebt haben muss, so herzzerreißend beschreibt er Krankheit und Todeskampf seiner Frau auf den ersten 40 Seiten. Das Titelblatt zeigt ihr Antlitz, untertitelt mit den Worten „Die Sanfteste ihres Geschlechts

Dies kleine Buch ist von keinem Nutzen, vielleicht auch nur wenig unterhaltend.“ So beginnt Kotzebue sein Werk. „Ich schrieb es um mein Herz zu erleichtern, ich schrieb es in den unglücklichsten Tagen meines Lebens. Der Verlust einer Gattin, die ich unaussprechlich liebte, trieb mich fort in die Welt.“

Die Welt, das war zunächst Paris, dessen Zerstreuungen er sich hingab. Er besuchte zahllose Theater- und Opernaufführungen, besichtigt ein „würklich sehenswertes“ Wachsfigurenkabinett – nichts geringeres als die originale Ausstellung von Madame Tussaud! – und selbst dort dachte er an seine Frau: „Was gäbe ich nicht darum, eine solche Abbildung meiner Friederike zu besitzen!“

Im Auge des Sturms – oder auch die Revolution hatte ihre Ruhepausen

Es waren nicht ganz so gefährliche Zeiten, in denen Kotzebue seine Trauer in Paris zu vergessen suchte: 1790 lag der Sturm auf die Bastille schon über ein Jahr zurück. Die Nationalversammlung tagte, der König war de jure noch an der Macht, doch die Abgeordneten machten ihm seine Autorität streitig. Die Schreckensherrschaft sollte mit der Hinrichtung des Königs erst zwei Jahre später beginnen.

Die Frauen von Paris bringen den König zurück in die Hauptstadt – Ein revolutionäres Ereignis ein Jahr vor der Ankauft Kotzebues.

Kotzebues Bericht ist für historisch Interessierte spannend. „Von der Freyheit, und allem was dahin gehört, wird hier und überall bis zum Ekel geschwatzt“, schreibt er. Er berichtet von unflätigen Spitznamen für die Königsfamilie und von Aristokraten, die die Nationalversammlung als „die zwölfhundert Majestäten“ bezeichnen. Wir erleben durch ihn mit, wie greifbar die Spannung in der Stadt ist und wie sie sich ab und an entlädt. So berichtet er von einem Skandal im Theater: Eine Herzogin applaudierte laut und erwirkte eine Wiederholung – und das bei einer Chorszene, in der einer Königin zugejubelt wurde. Die im Parkett sitzenden Bürger gerieten darüber in Rage. Natürlich stand dahinter ein Streit um etwas ganz anderes: Die Unbeliebtheit der Königin Marie-Antoinette ist ja heute noch allgemein bekannt. Die Bürger verließen das Theater, holten Obst vom Markt und das Folgende beschreibt uns Kotzebue mit den Worten: „Die ganze Loge war in einem Augenblicke mit Obst, die arme Duchese mit blauen Flecken bedeckt, und man konnte noch froh seyn, daß ein Messer, welches mit herauf flog, sie nicht traf.“ Nur ihre kaltblütige Ruhe bewahrte sie nach Kotzebues Einschätzung vor Schlimmerem.

Sogar König Ludwig XVI. und Königin Marie-Antoinette begegnete Kotzebue einmal, nur machten sie wenig Eindruck auf ihn: „Der König watschelte vor mir vorbei, er sah aus, als wollte er sagen ‚Es wird mir recht sauer!‘ Die Königin segelte vor mir vorüber, denn sie, und alle ihre Hofdamen, hatten so gewaltige Reifröcke an, daß man sie in der Ferne für wandelnde Mongolfieren hielt.“ Ein bisschen Humor hatte sich Kotzenue also doch bewahrt, aller Trauer zum Trotz.

Es hielt ihn nicht lange in Paris. In den nächsten Jahren lebte Kotzebue in Mainz, Wien, Weimar, Sankt Petersburg und Mannheim. Auch seine Trauer überwand er schließlich. 1794 heiratete erneut, 1804 ein drittes Mal.

 

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