Ein Abenteuer der Vernunft

Vom 28. August 2019 bis 5. Januar 2020 präsentiert die Klassik Stiftung Weimar erstmalig Goethes umfassende naturwissenschaftliche Sammlung in der Ausstellung „Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800“. Von den 23.000 Mineralien und Fossilien, Pflanzen- und Tierpräparaten, physikalischen und chemischen Experimentiervorrichtungen zeigt die Schau im Schiller-Museum Weimar über 400 Objekte, ergänzt durch einige mitunter noch nie gezeigte Leihgaben.

In einer innovativen Ausstellungsgestaltung, die u.a. mit Augmented Reality, animierten Spacebooks und einer interaktiven Netzwerkbibliothek arbeitet, erlebt der Besucher, wie sich in Goethes Sammlung die leidenschaftlichen Forschungsdebatten seiner Zeit widerspiegeln und wie diese zum Teil bis heute fortdauern.

Spacebook zum Ausbruch des Vesuvs.

Obwohl er heute vor allem als Dichter und Staatsmann berühmt ist, beschäftigte sich Johann Wolfgang von Goethe auch mit nahezu allen zu seiner Zeit bekannten Gebieten der Naturwissenschaft. Er stand in regem Austausch mit deren führenden Köpfen seiner Zeit und trug in über 50 Jahren seine herausragende Sammlung naturwissenschaftlicher Objekte zusammen, die an ihrem ursprünglichen Standort fast vollständig erhalten blieb.

Die Ausstellung in ihren Kapiteln

Den intensiven Studien Goethes stellt die Ausstellung in ihren drei Teilen „Zeit und Erde“, „Ordnung und Entwicklung“ sowie „Licht und Substanz“ die Forschungen seiner Zeitgenossen gegenüber.

1. Zeit und Erde

1776 wurde Johann Wolfgang Goethe von Herzog Carl August mit der – letztendlich erfolglosen – Wiederbelebung des Ilmenauer Silberbergbaus beauftragt. Er vertiefte sich rasch in die praktischen Aspekte des Bergbaus sowie die Entstehung und Beschaffenheit von Steinen und Metallen.

Ausgehend von Goethes Einstieg in die Naturwissenschaften werden die Besucher inmitten eines nachempfundenen Bergwergstollens an um 1800 aktuelle Fragen der Mineralogie und Geologie herangeführt. Kontrovers geführte geowissenschaftliche Debatten werden anhand von Gipsabgüssen von Flugsauriern oder Fossilien aufgerollt: Wie lassen sich die Dokumente der Natur – Gebirgsformen, Gesteinsarten und Mineralienvorkommen – deuten? Welche Rolle spielen Fossilien in der Erschließung von Erdzeitaltern und wie hat man sich die zugrundeliegenden Lebewesen vorzustellen?

Von Fossilien und Faultieren

Zur Zeit Goethes entsteht eine neue Wissenschaft, die Paläontologie. Aus Fossilien werden vergangene Lebewesen rekonstruiert. Aber ist Aussterben überhaupt möglich? Vielleicht existieren diese Wesen noch in anderen Erdteilen? Sogenannte Leitfossilien wurden darüber hinaus für die Datierung von Gesteinsschichten benutzt. Darwins Evolutionstheorie steht vor der Tür. Fossilien von ausgestorbenen Riesenfaultieren wurden Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt: Ihr Skelett wurde beschrieben und gezeichnet. Dem Tier wurde der erste Band der „Vergleichenden Osteologie“ gewidmet, der es als Vorfahren der Faultiere postuliert. Goethe rezensierte das Werk lobend.

2. Ordnung und Entwicklung

Ist der erste Ausstellungsbereich den Anfängen der Geowissenschaften gewidmet, beschäftigt sich das zweite Kapitel mit den um 1800 diskutierten Fragen nach Konstanz und Wandel in der Natur und ihren Ordnungssystemen – kurz gesagt: den Ursprüngen der modernen Biowissenschaften. Eine zentrale Rolle spielte dabei Carl von Linné und seine auf „Sexualorganen“ aufgebaute Pflanzensystematik.

Anstößige Pflanzen als Denkanstoß

Dieser Ansatz war höchst pikant und beflügelte die Fantasie seiner Zeitgenossen. Heinrich Meyer etwa, ein langjähriger Freund und Wegbegleiter Goethes, fertigte eine Zeichnung an, welche die amourösen Geschehnisse in der Blüte recht explizit darstellt. Für manche Gemüter gar zu explizit: Es gab zahlreiche Versuche, dieses künstliche und anstößige System durch ein auf Wesensmerkmale und daraus abgeleitete Verwandtschaften gestütztes zu ersetzen.

Doch damit nicht genug – seit 1781 besuchte Goethe an der Universität Jena Vorlesungen in Anatomie. Dieses Studium war die Grundlage für spätere Arbeiten und Entdeckungen auf diesem Gebiet. Seine Anatomiestudien waren Teil der Lehre von der Gestalt, der Morphologie. Im Zuge dieser verglich Goethe unter anderem Menschen- und Tierschädel und skizzierte seine Beobachtungen.

3. Licht und Substanz

Das dritte Kapitel wird eingeleitet durch die Rauminszenierung eines Labors. Goethe verfügte selbst über einen kleinen elektrischen und chemischen Experimentierapparat in seinem Haus. Die Einrichtung des professionellen Labors zur Physik und Chemie der Universität Jena betreibt er als Verantwortlicher für alle Anstalten der Wissenschaft und Kunst aktiv gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern. Das intensivste Forschen richtete Goethe auf die Fragen, die mit Licht und Farbe verbunden sind.

Den optischen Fragen widmet Goethe sein umfangreichstes Werk „Zur Farbenlehre“ – Anti-Newton und Wissenschaftsgeschichte zugleich. Er nimmt außerdem regen Anteil an den aktuellen Entwicklungen der Forschung: Kurz nach der Entdeckung des Ultravioletts kommt Ritter aus Jena und demonstriert Goethe seine optischen Versuche.

Opticks or a Treatise of the Reflections, Refractions, Inflections and Colours of Light (1730) aus Goethes Bibliothek Klassik Stiftung Weimar. Herzogin Anna Amalia Bibliothek Ruppert 4932.

Wie das Schwarz-Weiß-Denken aus der Mode geriet

Farben sind für Goethe „Taten und Leiden des Lichts“. Als Tat löst das Licht das subjektive Sehen aus. Es leidet, indem äußere Einflüsse seine Farbigkeit bewirken. Der polare Gegensatz zum Licht ist die Finsternis, auch diese erleidet farbige Abänderungen. Durch trübe Mittel wie atmosphärische Dünste entstehen die Farben Gelb und Orange aus dem Licht und Blau und Violett aus der Finsternis. Mischungen ergeben Purpur und Grün. Vor diesem Erklärungshintergrund bewertet Goethe die Farbentstehung beim Durchgang des Sonnenlichtes durch ein Prisma völlig anders als Newton. Goethe konzipiert seine „Farbenlehre“ schließlich als Gegenentwurf zu Newtons „Opticks“.

Streit als Motor der Forschung

Obwohl die Farbenlehre besonders von Seiten der Physiker scharf kritisiert wird, hält Goethe sie für seine bedeutendste Lebensleistung. Aus heutiger Sicht ist es weniger wichtig, was richtig oder falsch daran war. Von Bedeutung ist vielmehr die Möglichkeit, durch überlieferte Texte, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen ebenso wie durch Geräte und Skizzen einen detaillierten Einblick in die Vergangenheit zu gewinnen. Zu wissen, wie man vor 200 Jahren geforscht und gestritten hat, ermöglicht einen distanzierten Blick auf die Naturwissenschaften der Gegenwart.

In jedem Besucher steckt auch ein Forscher

Bereits 1790 sprach Immanuel Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ von einer künftigen Archäologie der Natur, die versuchen würde, die Verwandtschaftsbeziehungen aller Organismen zu rekonstruieren:

„Eine Hypothese von solcher Art kann man ein gewagtes Abenteuer der Vernunft nennen.“ Da diese gewagte Abenteuerfahrt bis heute andauert, lädt die Ausstellung im Schiller-Museum ihre Besucher durch zahlreiche Medienstationen auch selbst zum Forschen und Entdecken ein: Speziell konstruierte Sinnesboxen, animierte Spacebooks, eine interaktive Netzwerkbibliothek und ein durch die Ausstellung wanderndes, 3D-animiertes „Riesen-Faulthier“ erwarten sie ebenso wie der Astrophysiker, Naturphilosoph und Wissenschaftsjournalist Prof. Dr. Harald Lesch, der als „Videodozent“ komplizierte naturwissenschaftliche Zusammenhänge in gewohnt unterhaltsamer Weise vermittelt. Auch einige von Goethes Experimenten können die Besucher selbst nachmachen. Die vom Bundesministerium für Forschung und Bildung, der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung sowie der Ernst-Abbe-Stiftung geförderte Ausstellung wird von einem umfassenden Katalog und einem vielseitigen Rahmenprogramm begleitet.

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Mehr über die Ausstellung lesen Sie auf der Seite der Klassik Stiftung Weimar.

Weitere Gegenstände aus Goethes Leben präsentiert das Goethe-Nationalmuseum.

Mehr über Goethe als Wissenschaftler erfahren Sie in diesem Artikel.