Die schönsten Seiten der Schweiz

Zwei Weltdokumentenerbe-Stätten machen gemeinsame Sache: Anlässlich des Jubiläums 15 Jahre e-codices, der virtuellen Handschriftenbibliothek der Schweiz, präsentieren die Stiftungsbibliothek St. Gallen und die Fondation Martin Bodmer die die schönsten mittelalterlichen Handschriften der Schweiz aus 18 Schweizer Bibliotheken. Die Zuständigkeiten sind dabei klar abgesteckt: In Cologny bei Genf zeigt die Fondation Martin Bodmer die weltlichen Handschriften, die Ausstellung in St. Gallen dagegen werden die geistlichen Handschriften präsentiert. Im Folgenden wird sich dem zweiten Ausstellungsteil und der Lebenswelt im mittelalterlichen Kloster gewidmet.

Geistliche Handschriften und ihre Entstehung

Die Schweiz gehörte im Mittelalter nicht nur den Eidgenossen, sondern vor allem den Klöstern. Hier entstanden seit dem 8. Jahrhundert die schönsten Kunstwerke der damaligen Zeit, darunter viele kunstvoll gefertigte Handschriften, die durch den christlichen Glauben inspiriert wurden. Die schönsten dieser geistlichen Handschriften aus insgesamt zehn Handschriftensammlungen der Schweiz werden vom 10. März bis zum 8. November 2020 in der Stiftsbibliothek St. Gallen gezeigt.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der Fondation Martin Bodmer in Cologny und mit der virtuellen Handschriftenbibliothek der Schweiz e-codices entstanden. Die Fondation Bodmer ist wie die Stiftsbibliothek St. Gallen eine Weltdokumentenerbe-Stätte der UNESCO. Sie zeigt vom 9. April bis 6. September die schönsten weltlichen Handschriften.

Kunst für Gott: Initialen und Bilder

Der Buchschmuck in mittelalterlichen Handschriften für die Liturgie, sei es als kunstvolle Initialen oder als farbenfrohe Bilder, ist eine besondere Form des Gotteslobs. Darüber hinaus haben die Initialen, die großen Anfangsbuchstaben eines Satzes oder Abschnitts, auch eine praktische Funktion als Gliederungselemente. Im Frühmittelalter waren St. Gallen und das Nachbarkloster Reichenau herausragende Zentren der Initialkunst. Bilder wiederum machen die Inhalte der liturgischen Texte anschaulicher. Sie illustrieren zum Beispiel zentrale Feste des Kirchenjahres und zeichnen damit wichtige Stationen des Lebens Jesu nach.

In der Klosterschreibstube

Das Skriptorium, die klösterliche Schreibstube, ist vor allem im frühen Mittelalter der wichtigste Ort, an dem Bücher geschrieben, kopiert und mit Buchschmuck versehen wurden. Die Zusammenarbeit zwischen Schreibern und Buchmalern dürfte dabei sehr eng gewesen sein. Mit Handschriften aus St. Gallen, Einsiedeln, Engelberg, Disentis und Allerheiligen in Schaffhausen sind in der Ausstellung einige im Mittelalter besonders wichtige Klosterskriptorien der Schweiz vertreten.

Betende Frauen: Handschriften für die Privatandacht

Neben der Liturgie der Messe und des klösterlichen Stundengebets entwickeln sich im Laufe des Mittelalters zahlreiche Formen der Privatandacht. Der Fokus liegt in diesen Handschriften oft auf dem Leiden Christi, Illustrationen laden zum meditativen Versenken in die Passion und zum Mitleiden ein. Da die Texte oft in der Volkssprache geschrieben sind, konnten auch lateinunkundige Laien sie verstehen. Auch Frauen treten häufig als Schreiberinnen, Auftraggeberinnen und Besitzerinnen der Gebetbücher in Erscheinung. Die Handschriften sind meistens kleinformatig, so dass ihre Besitzerinnen oder Besitzer sie ohne Weiteres ständig bei sich tragen konnten – echte Taschenbücher also.

Die letzten kirchlichen Auftraggeber

Im Spätmittelalter waren Bischöfe und Äbte wichtige Auftraggeber für liturgische Handschriften. Oftmals ließen sie die Handschriften prächtig ausschmücken und sparten auch nicht am Pergament für die Herstellung der Bücher. Sie zeigten damit, wie wichtig ihnen der Gottesdienst war, und bewiesen Kunstsinn, demonstrierten gleichzeitig aber auch, dass sie sich teure und aufwendige Handschriften leisten konnten. Bezeichnenderweise sind die Namen der Buchmaler häufig nicht bekannt; in der Forschung werden sie stattdessen nach den Auftraggebern benannt, also etwa «Meister des Jost von Silenen» (Fürstbischof von Sion 1482–1497).

Begleitprogramm und Katalog

Begleitend zu den Ausstellungen in St. Gallen und Cologny erscheint ein gemeinsamer, reich bebilderter Katalog in zwei Fassungen in deutscher und französischer Sprache, der im Shop der Stiftsbibliothek und im Buchhandel erhältlich ist. Außerdem führt die Stiftsbibliothek verschiedene Veranstaltungen durch, wie etwa eine öffentliche Vorlesungsreihe in Kooperation mit der Universität St. Gallen oder Fokus-Führungen zu den einzelnen Veranstaltungen.

Die Ausstellungen im Internet

Beide Ausstellungen sind durch die aktuellen Umstände zur Zeit nicht zu sehen und verschoben. Digitale Angebote machen aber viel der Ausstellungen von zuhause aus erlebbar.

So sind auf e-codices alle in den Ausstellungen gezeigten Handschriften abrufbar.

Auch auf der Seite des Stifts St. Gallen sind digitale Angebote verfügbar. In der Rubrik „Herangezoomt“ zum Beispiel werden jede Woche die Details einer Handschrift vorgestellt.

Mehr Informationen zu den Ausstellungen finden Sie auf den Seiten der drei Kooperationspartner: e-codices, des Stifts St. Gallen und der Fondation Martin Bodmer.