Corona in Wien. Ein Sammlungsprojekt zur Stadtgeschichte

Der Ausbruch des Coronavirus und die Maßnahmen dagegen verändern das Leben in Wien radikal. Wie wird man in den kommenden Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten auf diese Zeit zurückblicken? Wie werden kommende Generationen wissen, was die Corona-Krise für Wien bedeutet hat?

Foto: Reinhard Beilner

Am 25. März 2020 hat das Wien Museum, einer der zentralen Objekt- und Wissensspeicher der Stadt, ein Sammlungsprojekt ins Leben gerufen und die Wiener BürgerInnen um Mithilfe gebeten, die Geschichte Wiens hier und jetzt zu sammeln. Der Fokus liegt auf Objekten, auf Gegenständen. Digitale Formate kommen und gehen – Objekte aber überdauern.

Die Zeit mit Corona ist erschreckend, aber für einen Historiker auch unglaublich aufregend. Wie oft hat man selber die Gelegenheit, Geschichte in dieser Extreme live zu erleben. Epidemien, ganz ähnlich wie andere Traumata, beschleunigen und verändern die städtische Lebenswelt enorm. (Matti Bunzl, Direktor Wien Museum)

Fotos von Dingen, die den neuen Alltag in Zeiten von Corona begleiten

Der Sammlungsaufruf ist zweigeteilt: Nachdem ein direkter Kontakt in diesen Zeiten nicht möglich ist, werden zunächst die Fotos der Objekte gesammelt. Eine Auswahl der eingesendeten Fotos wird der Webseite des Museums gezeigt und laufend erweitert.

Bis 4. Mai waren bereits rund 1.800 Foto eingelangt. Hier eine Auswahl:

Mein Lieblingsobjekt ist der gehäkelte Coronavirus. Ich finde es kulturhistorisch extrem spannend. Es zeigt, dass wir in einem Zeitalter leben, wo wir alle über ein zumindest rudimentäres Verständnis über Molekularbiologie verfügen. Es zeigt eine große Entwicklung, in Pest und Cholera-Zeiten beispielsweise war der Krankheitserreger nicht wirklich vor- oder darstellbar. Interessant ist auch, dass die Darstellung des Virus fast etwas Liebliches hat. Es ist also ein Versuch, die Angst vor oder die Gefährlichkeit des Virus zu bändigen. (Matti Bunzl, Direktor Wien Museum)

Eine Auswahl der eingereichten Objekte wird in die Sammlung der Stadt Wien übernommen

Zugleich geschieht im Hintergrund die eigentliche, nachhaltige Museumsarbeit: Ein Team rund um die Kuratorin Martina Nußbaumer diskutiert die eingereichten Objekte, inwieweit sie – als zweiten Schritt des Sammlungsprojekts – nach der Corona-Krise in die Sammlung der Stadt Wien, die das Wien Museum verwaltet, aufgenommen werden. Die Auswahl geschieht nach folgenden Kriterien: Ist die Einsendung objektbezogen? Hat sie einen konkreten Bezug zu Wien? Erzählt der Beitrag eine allgemein relevante Geschichte? Hat er gesellschaftliche Relevanz? Kann das vorgeschlagene Objekt sammlungstechnisch verwaltet werden?

Foto: Laetitia Blahout

Ziel der Sammelaktion ist es, über eine präzise Auswahl von Objekten für die Nachwelt zu dokumentieren, wie die Corona-Krise den beruflichen und privaten Alltag der Stadt, aber auch das öffentliche Leben verändert hat. Mit welchen Herausforderungen sind die Menschen in der Krise konfrontiert, und welche individuellen und welche kollektiven Formen der Krisenbewältigung gibt es? Über die bislang eingereichten Objektvorschläge bekommen wir umfassende Einblicke, wie die Menschen mit kreativem Improvisieren, neuen Kommunikationsformen und neuen Formen der Nachbarschaftshilfe auf Gebote wie Social Distancing und Ausgangsbeschränkungen reagieren. Wir erfahren aber zugleich auch von den Ängsten, die den eigenen Alltag begleiten, und den Belastungen, denen etwa Familien im Spannungsfeld von Home Office und Home Schooling ausgesetzt sind. (Martina Nußbaumer, Kuratorin Wien Museum)

Alle ausgewählten Objekte werden in das Depot des Museums eingelagert und so für die Nachwelt gesichert

„Corona in Wien“ soll auch ein Thema der neuen Dauerausstellung im Wien Museum Neu werden. Derzeit wird das Haupthaus am Karlsplatz aufwendig saniert und umgebaut. In drei Jahren eröffnet dort ein Stadtmuseum, das die Geschichte Wiens neu erzählt. Das neue Wien Museum wird zudem über ein ganzes Stockwerk nur für Sonderausstellungen verfügen. Denkbar ist auch eine eigene Ausstellung zu Covid-19 in Wien.

Foto: Harald Lorenz

Private und berufsbezogene Sammlungsobjekte, viele Sprachen

Um auch die nicht-deutschsprachige Bevölkerung zu erreichen, wurde der Aufruf in 17 Sprachen übersetzt und mittels Community- und Sozialen Medien gestreut. Die über den Sammlungsaufruf eingelangten Objekte stammen in der Regel aus einem privaten Umfeld. Ergänzend dazu wird das Museum auf von den Pandemie-Schutzmaßnahmen besonders betroffenen Berufsgruppen zugehen.

 

Was Sie sonst noch interessieren könnte

Mehr Informationen erhalten Sie auf der Webseite des Wien Museums. Dort finden Sie außerdem noch viele weitere Bilder, die mit Erklärungen versehen wurden.

Übrigens: Das Wienmuseum ist ab dem 29. Mai wieder für den Publikumsverkehr geöffnet! Details dazu und zu den Richtlinien finden Sie hier.

Haben auch Sie ein Zeugnis der Corona-Zeit, dass Sie für die Nachwelt erhalten möchten? Viele Museen haben inzwischen ähnliche Aufrufe gestartet, z.B. das Historische Museum Frankfurt und das Braunschweigische Landesmuseum. Vielleicht sammelt ja auch ein Museum in ihrer Stadt?