Closed but open: Neueröffnetes Jüdisches Museum gibt es vorerst nur online

Ariel Schlesingers Skultpur „Untitled“ (2019) auf dem Vorplatz des neuen Jüdischen Museums Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt.

Das Jüdische Museum der Stadt Frankfurt am Main wurde nach fünfjähriger Umbauzeit am 21. Oktober 2020 in doppelter Größe wiedereröffnet. Der einzigartige neue Museumskomplex besteht aus dem sorgfältig restaurierten Rothschild-Palais und einem hellen Neubau des renommierten Berliner Büros Staab Architekten. Das neoklassizistische Palais beherbergt die neue Dauerausstellung „Wir sind Jetzt: Jüdisches Frankfurt von der Aufklärung bis zur Gegenwart“ über jüdisches Leben in der Moderne und knüpft damit an die Ausstellungserzählung im preisgekrönten Museum Judengasse an, die seit 2016 viele Besucher angezogen hat. Das neue Gebäude, Lichtbau genannt, bietet Raum für Wechselausstellungen und Veranstaltungen, eine öffentliche Bibliothek, das erste milchig-koschere Café in einem Jüdischen Museum in Deutschland, FLOWDELI, sowie einen Museumsshop, der von der Literaturhandlung betrieben wird. Der Lichthof zwischen den beiden Gebäuden bildet die Adresse des neuen Museums, Bertha-Pappenheim-Platz 1, und präsentiert die eindrucksvolle Skulptur „Untitled“ von Ariel Schlesinger.

Ein Zentrum für jüdische Kultur in der Vergangenheit und in der Gegenwart

Das Jüdische Museum Frankfurt hat sich in den vergangenen fünf Jahren auch programmatisch erneuert und das Leitbild eines ‘Museums ohne Mauern‘ gegeben, das sich mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm (Diskussionen, Vorträgen, Konzerten, Filmvorführungen), einer Vielfalt an Bildungsangeboten (Führungen, Workshops, Kreativkurse), die in Teilen auch außerhalb des Museums stattfinden, und einer prägnanten digitalen Strategie an ein diverses, internationales Publikum wendet. Der neue Museumskomplex wird dabei als ein Zentrum für jüdische Kultur in Geschichte und Gegenwart begriffen, das sich im besonderen Maße mit der Frage beschäftigt, wie das Zusammenleben in einer diversen Gesellschaft gelingen kann. Die erste Wechselausstellung „Die weibliche Seite Gottes“ widmet sich dieser Frage in einer kultur- und geschlechtergeschichtlichen Perspektive. Sie präsentiert archäologische Funde, mittelalterliche Handschriften, jüdische Zeremonialobjekte, christliche Ikonendarstellungen sowie Werke der Bildenden Kunst.

Die neue Dauerausstellung „Wir sind Jetzt: Jüdisches Frankfurt von der Aufklärung bis zur Gegenwart“

Auf drei Etagen des Rothschild-Palais bietet die neue Dauerausstellung „Wir sind Jetzt“ unterschiedliche Zugänge zur jüdischen Geschichte und Kultur in Frankfurt, einem der bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens in Europa. Ausgehend von der Gegenwart skizziert der Ausstellungsrundgang wichtige historische Ereignisse und Konflikte seit der Aufklärung, reflektiert den Wandel von Traditionen und Ritualen in der Moderne und vermittelt Geschichte in Geschichten und aus einer jüdischen Perspektive. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Präsentation von Werken namhafter bildende Künstler, wie etwa Moritz Daniel Oppenheim und Ludwig Meidner, jüdischer Gelehrter wie etwa dem Begründer der Neo-Orthodoxie Samson Raphael Hirsch, und Intellektueller wie Martin Buber, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Das architektonische Ensemble aus historischem Rothschild-Palais rechts und modernem Lichtbau links. Foto: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt.

State of the art: Mixed Media

Neben der Präsentation von Kunst und Kunsthandwerk, persönlichen Aufzeichnungen, Fotografien und Filmen, historischen Dokumente und Alltagsgegenständen umfasst der Ausstellungsrundgang mediale Rauminszenierungen, Schattenspiel- und Film-Projektionen sowie interaktive Mehr-Kanal-Video-Installationen. Medienstationen mit Animationsfilmen, Slideshows und historische Filme ergänzen die Objektpräsentation auf visuell ansprechende und anschauliche Art und Weise. Hinzu kommen Touch-Objekte und Orientierungspläne für Besucherinnen und Besucher mit Einschränkungen.

Jüdisches Museum bleibt 24h online geöffnet

Infolge der politischen Beschlüsse zur Eindämmung der Corona-Pandemie musste das Museum nur 11 Tage nach seiner weithin wahrgenommenen Eröffnung seine Ausstellungen schließen und seine Bildungsangebote vor Ort absagen. Dank der seit 2016 entwickelten Digitalen Strategie und dem Launch der Online-Sammlung am 28. Oktober 2020, bleibt das Museum jedoch weiterhin geöffnet – wenn auch vorerst nur digital.

Was Sie sonst noch interessieren könnte

Wenn Sie trotz Corona-Beschränkungen nicht auf Kultur verzichten wollen, holen Sie sich das Museum ins Wohnzimmer und schauen sich ausgewählte Stücke der Sammlung online an.

Was auf die Ohren gibt es vom Hessischen Rundfunk: Der hat einen Podcast zur Dauerausstellung „Wir sind Jetzt: Jüdisches Frankfurt von der Aufklärung bis zur Gegenwart“ gemacht.

Und hier haben wir bei Bookophile über wunderschön illuminierte, hebräische Manuskripte aus Italien berichtet.