Bücher in der dritten Dimension

Aufgeklappte Darstellung des Reichstagsgebäudes in: Michael Lewitscharoff (Hg.): Das Berlin-Paket. Das neue Berlin: Architektur, Kultur und Geschichte der Stadt […], München 2001. © Foto: PUNCTUM, Bertram Kober

Mit mehr als 4.200 Pop-Up-Büchern wächst dem Bestand des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek eine Kollektion mit Alleinstellungsmerkmal zu. Die Druckwerke aus dem 15. (Faksimiles) bis 21. Jahrhundert schlagen Brücken zwischen illustrierten Büchern, Papiertheatern, Scherenschnitten, Daumenkinos und naturwissenschaftlichen Erklärtafeln. Über drei Jahrzehnte wurde die Sammlung Hartung zusammengetragen und ist heute eine der umfangreichsten Sammlung kinetischer Bücher im deutschsprachigen Raum. Die jetzt erworbenen Publikationen erschaffen durch Aufklapp-, Falt-, Schiebe- oder Ausschnitt-Techniken ganz verschiedene Arten Illusionen von Räumlichkeit und Bewegung aus Papier.

Während herkömmliche Bücher durch die Abfolge von Textseiten und ggf. Bildern eine lineare Nutzung bieten, entziehen sich bewegliche Bücher als hybride und vielseitige Medienform der einfachen Kategorisierung. Als Vertreter einer analogen, rein papiernen Multimedialität sind sie Vorboten der digitalen Multimedialität. Sie verbinden wie diese Bild, Bewegung, Text, ja sogar Ton.

Thematisch lässt sich ein großer Teil der Sammlung als Kinder- und Jugendbuchliteratur charakterisieren, bei der Märchen, Sagen, Popkultur stark vertreten sind. Es findet sich jedoch auch viel Populärwissenschaftliches sowie einiges explizit Fachliches, wie etwa medizinische oder maschinenbauliche „Modellatlanten“.

Der Bestand spiegelt die Geschichte der kinetischen Literatur von faksimilierten Volvellen (drehbaren Elementen) des 15. über Papiertheater des 18. Jahrhundert bis hin zur Hochzeit der Gattung im späten 19. Jahrhundert. Mit der wachsenden Zahl von Spielbilderbüchern für bürgerliche Haushalte erlebte das Genre damals besonderen Aufschwung. Als Pionier tat sich dabei insbesondere der Maler und Kinderbuchautor Lothar Meggendorfer hervor, der ab den 1870ern die meisten später benutzten Techniken erfand.

Wesentliche Impulse für die Weiterentwicklung des beweglichen Buches kamen ab Mitte des 20. Jahrhunderts aus den angelsächsischen Ländern. Die Sammlung umfasst etwa zur Hälfte englischsprachige sowie eine große Zahl deutschsprachiger Titel. Darüber hinaus gibt sie Einblicke in die Produktion in zahlreichen anderen europäischen und außereuropäischen Sprachen. In ihr sind alle wesentlichen Größen des „Papieringenieurwesens“ aus Vergangenheit und Gegenwart vertreten, z.B. Vojtěch Kubašta (CZ), Kees Moerbeek (NL), S. Louis Giraud (GB), Raphael Tuck (GB), Geraldine Clyne (US), Robert Sabuda (US), Matthew Reinhart (US) oder Ron van der Meer (NL).

 

Was Sie sonst noch interessieren könnte:

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Zur Geschichte des Aufklappbuchs hat Ellen G. K. Rubin am Smithsonian Museum einen Vortrag unter dem Titel „A History of Pop-up and Movable Books: 700 Years of Paper Engineering (2010)“ gehalten, den Sie auf YouTube finden (in englischer Sprache).