Bibliophile Zeugnisse jüdischen Lebens in Italien

Ketouboth. Italie. © BnF, dpt. des Manuscripts.

16 illuminierte, hebräische Manuskripte aus Italien, die Teil der Sammlung der Nationalbibliothek Frankreichs sind, werden noch bis zum 22. September 2019 in einer außergewöhnlichen Ausstellung im Pariser Museum für Kunst und Geschichte des Judentums (mahJ) präsentiert. Sie werden gemeinsam mit einigen beeindruckenden Stücken des mahJ ausgestellt. Diese Manuskripte – Meisterwerke der italienischen Buchmalerei –, zeugen von einer besonderen Zeit der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft Italiens, die übrigens die älteste Europas ist: der Zeit eines intensiven intellektuellen, literarischen und künstlerischen Wirkens im Italien des Mittelalters und der Renaissance.

Die Ausstellung

Die illuminierten Manuskripte stammen aus vier Jahrhunderten sowie von verschiedenen Gruppierungen des Judentums. Sie spiegeln das Leben dieser Religionsgemeinschaft wider, die seit der Antike fest in der Geschichte der Halbinsel verankert ist und deren Ausprägungen sich durch die Ankunft neuer Gruppierungen veränderten, die vor den mittelalterlichen Vertreibungen im Norden und im Mittelmeerraum geflohen waren.

Bibeln, Gebetsbücher, aus dem Arabischen übersetzte philosophische Werke jüdischer und muslimischer Autoren, wissenschaftliche und medizinische Abhandlungen, Eheverträge usw. – diese Dokumente zeigen einerseits die außergewöhnliche Vielfalt des italienischen Wirkens und des intellektuellen Lebens dieser Epoche und beweisen andererseits, welch ein lebendiger Austausch zwischen den verschiedenen Gemeinschaften dieser Zeit bestand. Infolge des Wiederauflebens der Begeisterung für die Antike und insbesondere für das Studium der griechischen und hebräischen Sprache, verschrieben sich zahlreiche jüdische und christliche Wissenschaftler der Überlieferung des biblischen Textes und dem Studium der Kabbala. Zur Zeit der Medici besuchten Juden Universitäten und nahmen aktiv am literarischen und wissenschaftlichen Leben der Renaissance teil.

Obwohl die Gestaltung der ältesten hebräischen Manuskripte vor allem von der mittelalterlichen Tradition geprägt ist – es sind kaum Bilder vorhanden, die ersten Worte und Buchstaben sind verziert, es wurde mit der Anordnung der Textblöcke gespielt, es gibt mikrographische Illustrationen usw. – , bezeugt die Entwicklung der Illustrationen, von Miniatur- zu Titelbildern, die ökonomische und kulturelle Integration der italienischen Juden, die nicht davor zurückschreckten, sich bei der Illustration ihrer Manuskripte an den künstlerischen Vorstellungen der Epoche zu orientieren.

Sammlung medizinischer Vorträge. © BnF, dpt. des Manuscripts.

Die Sammlungen hebräischer Werke der Abteilung für Manuskripte der BnF

Die Sammlungen wurden im 14. Jahrhundert von König Karl V. (1338–1380) angelegt, der in seiner Bibliothek im Louvre über mehrere hebräische Manuskripte verfügte. Im Laufe der Zeit ist ihr Umfang enorm gewachsen: im 17. Jahrhundert durch die Sammlungen der Kardinäle Richelieu und Mazarin und durch die Folgen der Revolution, da die Vermögenssäkularisation die Sammlungen mehr als verdoppelte; im 19. Jahrhundert durch verschiedenste Aufträge und Anschaffungen. Heute umfassen sie etwa 1.495 bemerkenswerte Stücke: Bibeln und Talmude, Kommentare, Manuskripte über bürgerliches und religiöses Recht, Theologie, Kabbala, Philosophie, Wissenschaft und Medizin, Grammatik, Geschichte, Poesie, dokumentarische Akten usw., die sowohl aus dem Jemen, dem Orient, Byzanz, Italien, Nordafrika, Italien, England sowie Deutschland und Mitteleuropa stammen. Im Wesentlichen ist diese Sammlung ein Spiegel der Textproduktion des Mittelalters und der Renaissance.

Aus den Sammlungen der Nationalbibliothek Frankreichs (BnF)

In verschiedenen kulturellen Einrichtungen in Paris und Umgebung präsentiert die BnF jedes Jahr ausgewählte Stücke ihrer Sammlungen und lässt somit ein breites Publikum an dem reichen kulturellen Erbe teilhaben.

Die Werke werden aufgrund ihres symbolischen Wertes, ihrer Verbindung zu einem Ereignis oder zu einer lokalen Sammlung für das Programm „Aus den Sammlungen der Nationalbibliothek Frankreichs“(fr) ausgewählt. Das Programm zielt darauf ab, nachhaltige Partnerschaften mit anderen Institutionen aus dem wissenschaftlichen und pädagogischen Bereich zu entwickeln. Die Ausstellung im Museum für Kunst und Geschichte des Judentums ermöglicht es dem BnF, den Reichtum seiner Sammlungen zugänglich zu machen und gleichzeitig die digitalisierten Online-Korpora der elektronischen Bibliothek „Gallica“ zu präsentieren, die dank einer Partnerschaft mit der Nationalbibliothek Israels über 1.320 hebräische Manuskripte verfügt.

Hebräischer Bibel Psalm. © BnF, dpt. des Manuscripts.

Das Museum für Kunst und Geschichte des Judentums (Musée d’art et d’histoire du Judaïsme)

Das Museum für Kunst und Geschichte des Judentums befindet sich in einem Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert im Pariser Marais-Viertel und verfügt über eine beeindruckende Sammlung von Objekten über das Judentum in Europa, die vor allem aus Italien und dem Mittelmeerraum stammen und das zeitliche Spektrum von der Antike bis zur Gegenwart abdecken. Abgesehen von archäologischen Fundstücken aus dem Mittelalter und einer Sammlung jüdischer Kultgegenstände, die zu den bedeutendsten der Welt gehört, verfügt das Museum über umfassende ethnografische und historische Dokumente und Gegenstände, wie die Akten der Dreyfus-Affäre. Unter anderem veranschaulichen Chagall, Modigliani, Soutine und Kikoïne die jüdische Präsenz in der Künstlerszene des 20. Jahrhunderts.

 

Weitere Informationen finden Sie auf den Websites der Nationalbibliothek Frankreichs (BnF) und des Musée d’art et d’histoire du Judaïsme. Beide leider größtenteils nur auf Französisch verfügbar.

Sehr sehenswert ist Gallica die digitale Bibliothek der BnF.