Antiquariatsmesse Stuttgart: Ein Neuling erzählt

Es ist immer wieder spannend, ein völlig neues Sammelgebiet zu erobern. Denn was der langjährige Sammler für selbstverständlich hält, ist für den Neuling spannend und aufregend. Das beginnt schon all den Verlosungen, die in der ersten Stunde der Antiquariatsmesse Stuttgart durchgeführt werden.

Ein Blick in einen der vielen Gänge der Antiquariatsmesse Stuttgart. Foto: KW.

Nein, es geht nicht darum, irgendein tolles Buch zu gewinnen. Im Gegenteil, es geht darum, Geld ausgeben zu dürfen. Mit dem Gewinn ist nämlich das Recht verbunden, ein ganz bestimmtes Buch zu kaufen, das im Messekatalog vorgestellt wird. Aber von Anfang an, denn diese Verlosung scheint weltweit auf allen antiquarischen Messen üblich zu sein.

Da gibt es also einen Katalog, den die ernsthaften Sammler bereits lange vor der Messe aufmerksam studieren. In diesem Katalog bietet jeder Teilnehmer ein paar ganz besonders interessante Werke an, die er zur Messe mitbringen wird. Die Preise reichen dabei von 350 Euro für ein juristisches Pamphlet bis hin zu 680.000 Euro für ein Stundenbuch aus den Jahren um 1405. Das Besondere dabei: Man kann all diese Bücher erst auf der Messe selbst kaufen, und zwar am Stand des Verkäufers.

Bis vor einigen Jahren galt dabei das uralte Gesetz: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Doch nachdem einige besonders angefressene Sammler Leichtathleten anheuerten, um ihre Visitenkarte beim Spurt an sämtlichen Ständen vorbei überall dort abwerfen zu lassen, wo sie ein Buch erwerben wollten, ja nachdem es sogar zu Verletzungen beim Run auf die Bücher gekommen war, hat man eine neue Regel eingeführt, die besagt, dass jeder Interessent in der ganzen ersten Stunde seine Ansprüche anmelden könne. Bei mehr als einem Interessenten wird das Kaufrecht verlost. Und tatsächlich, als ich aus dem Zug aussteige, der – reichlich verspätet – von Zürich her eine Gruppe von Sammlern nach Stuttgart gebracht hat, sehe ich zahlreiche nicht mehr ganz junge Männer im zügigen Laufschritt zur Messe eilen, um für diesen wichtigen ersten Akt der Veranstaltung noch rechtzeitig zu kommen.

Kostbarkeiten bei allen Händlern

Ansonsten? Ich bin erst einmal erschlagen, als ich die Messehalle betreten. Rund 80 Antiquare aus dem In- und Ausland stellen in großen Messe-Boxen ihre Ware vor. Neben Deutschland sind vor allem die Schweiz, Österreich und Großbritannien vertreten. Einzelne Teilnehmer kommen aus Italien, den Niederlanden und Frankreich.

So viele interessante, spannende, exquisite antiquarische Bücher in einem Raum, da bleibt einem geradezu der Mund offen stehen. Und im Gegensatz zu den landesüblichen Münzbörsen haben alle Händler ihre Prunkstücke mitgebracht. Für den Anfänger gibt es kaum etwas, Objekte für Preise unter 200 Euro sind nur in Ausnahmefällen zu finden. Die Mehrzahl der Bücher rangiert zwischen 500 und 5.000 Euro. Aber natürlich kann der Kenner auch wesentlich mehr ausgeben. Der Antiquariatshandel ist immer noch ein direkter Handel, bei dem nur ein Bruchteil der Ware den Umweg über eine Auktion macht.

Gerade die Spezialhändler stellen in ihren Vitrinen Kostbarkeiten aus allen Bereichen aus: Der britische Spezialist für Wirtschaftsthemen offeriert, um nur ein Beispiel zu nennen, den ersten Band der ersten Ausgabe von „Das Kapital“ aus der Feder von Karl Marx. Dem stets klammen Autor würden die Augen übergehen, wenn er wüsste, dass sein damals an eine Leipziger Zeitung geschicktes Rezensionsexemplar heute mit 195.000 Euro ausgepreist ist.

Und wer gerne den Gipfel des Kilimandscharo bei sich zu Hause hätte, der kann den Nachlass seines Erstbesteigers Hans Meyer erwerben. Während der die eine Hälfte des Gipfels dem deutschen Kaiser schenkte, behielt er selbst die andere Hälfte und machte daraus einen Briefbeschwerer. Weil der kaiserliche Gipfelteil seit dem Zweiten Weltkrieg verloren ist, gibt es nur noch diesen Originalgipfel vom Kilimandscharo, der nun zusammen mit all den Briefen und Manuskripten aus der Feder von Hans Meyer zum Verkauf steht.

Weit mehr als alte Bücher

Ob Globus oder Atlas, ob Kinder- oder Kochbuch, ob Handschrift oder Pressendruck, ob Kupferstich oder japanischer Holzschnitt, so ziemlich jedes Gebiet des ernsthaften antiquarischen Buchhandels ist in Stuttgart vertreten. Eines aber sucht man erfolglos. Es gibt kaum einen Händler, der Dienstleistungen oder Accessoires anbietet. Nur eine einzige Buchrestauratorin hat hier ihren Stand aufgebaut, und ein anderer Stand bietet handgefertigte Marmorpapiere, wie man sie zum Einbinden braucht. Wer, wie ich, nach Lösungen sucht, um Bücher möglichst schonend auszustellen oder zu fotografieren, der ist nach der Messe genauso schlau wie vor der Messe.

Dafür bieten die Organisatoren Führungen an, und zwar Samstag und Sonntag für interessierte Besucher jeden Alters. Am Samstag findet traditionell eine Führung für Studenten der Hochschule der Medien statt, an der sich weitere Studenten und Schüler gerne beteiligen dürfen.

Und sonst? Lernen kann man an jedem Stand: Alle Antiquare, mit denen ich gesprochen habe, waren ein Füllhorn an Wissen über die Bücher, die sie dabei hatten. Jedes Gespräch hat Neues gebracht!

Und ja, die Bibliothek des MoneyMuseums kann sich nach der Stuttgarter Antiquariatsmesse über einige Neuzugänge freuen. Wir werden sie Ihnen in einem der nächsten Newsletter vorstellen.

 

Was Sie sonst noch interessieren dürfte:

Hier kommen Sie zur Website der Antiquariatsmesse Stuttgart.

Heribert Tenschert, Spezialist für Handschriften und Stundenbücher, präsentierte eine Ausstellung zu Büchern, die Kaiser Maximilian I. in Auftrag gab, um seinen Ruhm zu mehren.

Veranstalter ist der Verband Deutscher Antiquare.