5 Minuten mit… Irelands Shakespeare-Fälschungen

Eine der skurrilsten Geschichten des späten 18. Jahrhunderts ist die des gefeierten Fälschers William Henry Ireland (1775–1835), dem es im zarten Alter von 17 Jahren gelang, die angesagte literarische Welt Londons übers Ohr zu hauen, indem er sie dazu brachte, gefälschte Dokumente und Unterschriften als von William Shakespeare (1564–1616) erstellte Originale anzusehen.

Laut Nick Groom, der in seinem Buch The Forger’s Shadow über den Fall berichtete, begann der Schwindel im Dezember 1794 als William Henry seinem Vater Samuel Ireland (1744–1800) – ein Kupferstecher, Schriftsteller und Shakespeare-Fanatiker – ein Dokument mit einer in zittriger Handschrift verfassten Unterschrift übergab, von der er behauptete, sie sei die William Shakespeares.

Die Rückseite des gefälschten Shakespeare-Briefs an Anne Hathaway mit einer Haarlocke, von William Henry Ireland © Christie’s Images Limited 2019.

Eine Locke von Shakespeare

Das Dokument stamme aus einem Koffer voller alter Papiere, den ein gewisser „Mr. H.“ ausgegraben habe, erklärte der Junge. Dieser Mann wolle allerdings anonym bleiben. Bald tauchten weitere Papiere auf – ein Brief von Shakespeare an seinen Patron, den Earl of Southampton (1573–1624), mit Versen beschriebene Stücke Papier und ein Brief an seine zukünftige Ehefrau Anne Hathaway (1556–1623), eine Locke und sogar ein Brief von Queen Elizabeth I. Diese Gegenstände wurden im Haus der Irelands ausgestellt, und die Öffentlichkeit musste eine Guinee zahlen, um sie zu sehen.

Die Entdeckung erregte großes Aufsehen, und einige der wichtigsten literarischen Köpfe der Zeit, wie Samuel Johnsons Biograf James Boswell (1740–1795), bestätigten die Echtheit der Dokumente. „Nun kann ich zufrieden sterben, denn mein Leben war lang genug, um diesen Tag zu erleben“, verkündete Boswell, der drei Monate später sterben sollte.

Sophie Hopkins, Associate Director, Expertin, Manuskripte und Archivalien © Christie’s Images Limited 2019.

Eine überzeugende Hintergrundgeschichte

Es ist ein Rätsel, warum Irelands List damals nicht mehr Argwohn erregte. Sophie Hopkins, Spezialistin für Bücher und Manuskripte, geht davon aus, dass es an der Fähigkeit des Jungen lag, eine überzeugende Hintergrundgeschichte zu erschaffen. „Zusammen mit all den guten Lügen steckt hinter der Täuschung auch ein Fünkchen Wahrheit“, sagt sie.

Ireland und sein Vater hatten einige Monate zuvor eine Pilgerreise zum Haus des Barden in Stratford-upon-Avon unternommen. Dort hatten sie gehört, dass ein Koffer mit Dokumenten, die Shakespeare gehörten, an einem Ort namens Clopton House aufbewahrt wurde. Als sie dort ankamen fanden sie zu ihrem Entsetzen heraus, dass der Inhalt des Koffers verbrannt worden war. Doch während der Vater Trübsal blies, erkannte sein Sohn die Gelegenheit.

Hopkins erklärt, dass heute nur sehr wenige Dokumente bekannt sind, die mit Shakespeare in Verbindung stehen: „Es ist unglaublich frustrierend für die britische Gesellschaft, dass unser größter literarischer Held so unnahbar für uns ist.“

William Henry Ireland (1775–1835). Autograph in seiner eigenen Handschrift und der „William Shakespeares“, mit dem Datum von 1797 [vermutlich nach 1804 erstellt] © Christie’s Images Limited 2019.

Der Reinfall „Vortigern and Rowena“

Experten wissen, dass lediglich sechs Dokumente mit der Unterschrift des Schriftstellers existieren und keines der 36 Stücke, die in der ersten Folio Ausgabe erschienen sind, wurde in Shakespeares Handschrift überliefert. Daher ist es sehr schwierig, Fälschungen zu erkennen.

Das Publikum war so versessen darauf, neue Dokumente Shakespeares zu finden, die die Lücken im Lebenslauf des Barden füllen würden, dass Ireland seine Fähigkeiten überschätzte und der Öffentlichkeit sogar ein verlorenes Theaterstück mit dem Titel „Vortigern and Rowena“ präsentierte – eine Tragödie, die im antiken Großbritannien spielt.

Der damals führende Shakespeare-Experte Edmond Malone (1741–1812) veröffentlichte eine umfangreiche, 400-seitige wissenschaftliche Kritik des Manuskripts, die 1796 am Vorabend der Uraufführung im Londoner Drury-Lane-Theater erschien. Das Publikum reagierte mit Buhrufen und das Stück wurde nur einmal aufgeführt.

Die Zeitungen machten sich über Irelands schlechten Verse lustig und der Telegraph veröffentlichte eine Parodie in Form eines Briefwechsels zwischen Shakespeare und seinem Rivalen Ben Jonson: „Deeree Sirree, Wille youe doee meee theee favvourree too dinnee wythee meee onn Friddaye nextte, attt twoo off theee clockee, too eattee sommee muttonne choppes andd somme poottaattoooeesse.“

Die Irelands wurden zur Lachnummer. Samuel Ireland, der – soweit wir wissen – noch immer an die Unschuld seines Sohnes glaubte, starb bald darauf mit einem gebrochenen Herzen. Sein Sohn hingegen blühte unter all der Aufmerksamkeit regelrecht auf. Er publizierte ein Dokument, in dem er alle Schuld auf sich nahm, und fertigte Duplikate der gefälschten Dokumente für die begeisterte Öffentlichkeit an.

Die von Ireland angefertigten Shakespeare-Fälschungen, die am 11. Dezember bei Christie‘s in London versteigert wurden, umfassen ein Teilgeständnis des genialen Betrügers und Beispiele seiner literarischen Verbrechen. „Die Original-Fälschungen werden in der Harvard Houghton Library aufbewahrt“, sagt Hopkins, „allerdings stellte er weitere Abschriften her, um sie Freunden zu geben und sie zu verkaufen.“

Angeblich ist dieses Set jenes gewesen, dass er im Jahre 1797 seinem Nachbarn Albany Wallis schenkte. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um etwas, das Experten als „eine Art doppelter Fälschung“ bezeichnen, da das Wasserzeichen auf den vorliegenden Dokumenten auf 1804 datiert wurde – sie stammen also aus der Zeit nach Wallis Tod.

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Lesen Sie weiter und erfahren Sie mehr über die erfolgreichen Machenschaften von William Henry Ireland.

In diesem Video teilt Heather Wolfe, Kuratorin für Manuskripte an der Folger Shakespeare Library, ihre Faszination für diese Fälschungen mit Ihnen.

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